Breaking the Rules

Es ist irgendwie verrückt. Man ist so weit von zuhause entfernt, aber irgendwie kommt es einem doch nicht so vor, aber irgendwie doch. Ein schwer beschreibbarer Zustand. So viele Dinge sind anders: Die Sprache, die Schriftzeichen die Gepflogenheiten und Regeln. Andererseits ist doch so vieles genauso wie in der Heimat. Ich kann mich frei und furchtlos in der Stadt in der ich Lebe bewegen, man findet eigentlich auf Anhieb immer alles was man braucht und die „Internationale-Blase“ in der ich mich aufhalte, verstärkt das Gefühl zuhause zu sein. 11923068_866621356758647_805147886_nWenn ich dann aber z.B. im Supermarkt stehe, fängt wieder und wieder ein kleines Abenteuer an. Alles was man macht ist besonders und aufregend. Man lebt in den Tag hinein. Alles fühlt sich irgendwie, wie Urlaub an und wird sich wohl auch in meinem Jahr nie zu einem „Alltag“ wie ich ihn gewohnt bin wandeln. Es wird wohl höchstens einen „Seoul-Alltag“ geben, sobald die Uni losgeht.

In dieser Woche habe ich bereits meine ersten Kurse. Die Graduate School bietet Veranstaltungen für Masterstudierende und Doktoranden an. Leider werden die für mich interessanten Soziologie und Statistik-Seminare aber alle auf koreanischer Sprache gehalten. Also habe ich etwas meinen Lehrplan umdisponiert und werde mich im Bereich Politik und European Studies weiterbilden. Am Montag geht’s dafür mit „International and Comparative Politics and Law“ los. Dienstags werde ich das „Seminar on Korea EU Relations“ besuchen. Ich bin wirklich gespannt auf die Lehre hier und wie die EU in Korea dargestellt wird. Die Dozenten hier sind meistens Koreaner_Innen, die einen Teil ihrer Ausbildung in Europa oder Amerika genossen haben. Die Unterrichtszeit dauert in den meisten regulären Veranstaltungen (und so auch bei mir) drei Stunden mit zwei 10 minütigen Pausen. Wirklich intensiv geht es mit der Uni für mich dann aber wortwörtlich nächste Woche mit dem „Intensive Korean Language Course“ los. Dabei werde ich täglich von 9 bis 13 Uhr koreanisch in Schrift sowie Wort lernen. Zudem habe ich gehört, dass einem zudem die koreanische Kultur noch näher gebracht wird.

Das finde ich ziemlich wichtig. Man liest so viel im Voraus (z.B. die Taschentuchproblematik, siehe Artikel vom 25.08.2015) und erlebt es in der Realität dann aber wieder ganz anders und aus dem eigenen subjektiven Blickwinkel. Dieser wiederum, wird durch das Gelesene und die dadurch entstandene Erwartungshaltung geprägt und beeinflusst. Dann vermischt sich auch noch das Akzeptanzverständnis zwischen den Altersgruppen. Was für den Kommilitonen an der HUFS, der bereits mit ausländischen Studierenden in Kontakt gekommen ist, okay und normal ist, empfindet der etwas ältere koreanische Mann vielleicht als Frechheit und unerhört. Es überwiegt dabei das Bedürfnis, dass man nichts falsch machen möchte um die Normen und Gefühle der Gesellschaft und Personen einem Gegenüber verletzen will. 11935726_866618383425611_1345468452_nEin Beispiel: Am Sonntag haben wir uns zusammen in einen kleinen Park an der Uni gesetzt und zwei Tische zusammen gestellt um zusammen Mandu (kor. 만두,Teigtaschen mit einer Fleisch Gemüse Füllung) zu essen. Wir waren dann nochmal kurz im Dorm um ein paar Dinge zu erledigen. Als wir zurück kamen um dort etwas zu trinken, saß an unseren zusammengestellten Tischen alleine eine ältere Frau. Da sonst nichts frei war haben wir uns zu ihr gesetzt. Uns war klar, dass sie sicher nicht lange mit uns jungen, trinkenden Leuten dort verweilen würde. War das jetzt aber unhöflich, bzw. unhöflicher als wenn wir das in Deutschland gemacht hätten? Wir hätten sie gerne gefragt ob wir uns dazu setzen können, dass macht die Sprachbarriere aber leider unmöglich. Die Frau hat uns dann noch nett lächelnd einige Sätze auf koreanisch zum Besten gegeben und viel dabei gelacht. War das jetzt die freundliche koreanische Art und Weise uns auf unseren Normenverstoß aufmerksam zu machen oder doch die verständnisvolle Person die eh grade gehen wollte? Älteren Leute sollte man in Korea mit dem nötigen Respekt gegenübertreten, aber wo verlaufen da die Grenzen. Was zählt als „jugendlicher Unfug“ und was ist dann doch vielleicht schon beleidigend? Ich hoffe der Sprachkurs und der Aufenthalt hier wird mir die kulturellen Normen hier näher bringen.

Interessant war in der Hinsicht auch die „Orientation“-Veranstaltung. Alle Austauschstudenten (ca. 250) wurden eingeladen sich in einem großen Hörsaal einzufinden um mehr über das Leben an der Uni zu erfahren. Und dies besteht in erster Linie aus Regeln. Es wird schon sehr zielstrebig mitgeteilt was man darf und was zu unterlassen ist. Alles wird mit einem netten Lächeln und nicht ganz schlüssige Kausalketten vorgetragen. Das internationale Fußballteam der HUFS stellte sich z.B. vor. Nicht nur in den Kursen oder im Dorm wird streng auf minutengenaue Pünktlichkeit und Anwesenheit gepocht. Auch zum Sport sollte man lieber nicht zu spät kommen. 11948107_866618470092269_1345351666_nDer Strafenkatalog startet bei Geldstrafen von 10.000 KRW (8€) für nicht erscheinen und kann bis zum Ausschluss aus dem Team führen. Ist man nicht mit dem Teamcaptain einer Meinung, ist es verboten hinter seinem Rücken (!) sich über ihn zu beschweren. Kommt dies raus, kann das ziemlichen Stress geben. „Denn Fußball soll Spaß machen und Spaß hat man nur wenn man gewinnt. Gewinnen können wir nur wenn wir ein Team sind und das geht nur wenn alle die Regeln befolgen.“ Was beim Soccerteam noch einigermaßen als plausibel akzeptiert werden kann, wird beim Globee Dorm (das strenge Studentenwohnheim) dann doch eher unglaubwürdig. Aber Hauptsache lächeln wenn man erzählt, wie böse es ist wenn man nicht bescheid gibt, dass man mal einen Abend doch spontan länger weg bleibt als geplant. 2 Penalty Points! Bei 20 ist Schluss und man darf das Haus verlassen. Um noch ein bisschen abschreckend zu wirken wurde noch die kriminelle Geschichte erzählt, wie mal ein Junge bei einem Mädchen erwischt wurde und er direkt seine Sachen packen durfte. Erziehungsmaßnahmen aus einer anderen Zeit.

Sogar der Polizei Officer der naheliegenden Polizeiwache wurde zur Veranstaltung geladen um uns darüber aufzuklären wo man ihn findet, aber vor allem um uns zu sagen was bestraft wird. Die Blase fing nach 2-3 Stunden Informationsveranstaltung langsam an zu drücken. In einem guten Moment probierte es Max mit einem kurzen Break fürs Klo. Er machte aber nicht die Rechnung mit der guten Frau die den Regelkatalog zum Besten gab. Mit einem Fingerzeig machte sie ihn schnell auf sein Fehlverhalten die Veranstaltung kurzeitig verlassen zu wollen aufmerksam. So durfte er wieder Platznehmen und nicht auf die Toilette. Das sind wir dann doch etwas anderes gewöhnt.

Die HUFS International Student Organization (ISO) stellte sich auch vor. Eine große Gruppe an Studierenden aus Korea die sich um die neuen „Internationals“ kümmert, Veranstaltungen für uns organisiert und uns Ansprechpartner zuteilt: Den sogenannten Atti, was im koreanischen soviel wie „alter Freund“ heißt. 11923368_951340331579407_675457279_nMein Atti ist Kwon MinJeong (der Nachname kommt im koreanischen zuerst), bzw. Nelly. Um es uns einfacher zu machen, gebe sich die koreanischen Studierenden gerne solche für uns leichter zu merkenden westlich klingende Namen. Beeindruckend finde ich, dass sie sich im Gegensatz zu mir, scheinbar alle Namen der Austauschstudierenden merken können. Meinen Namen kennen aber eh alle hier: „Oh you are Stefan?“, habe ich jetzt schon öfter gehört. Letztes Jahr war wohl ein sehr beliebter deutscher Austauschstudent namens Stefan an der HUFS. Ich habe also große Fußstapfen vorgefunden in die ich treten muss. Aber in Leipzig kennt mich ja auch jeder. Also nichts neues für mich ;-) Das ISO Team macht uns den Anfang auf jeden Fall leichter und hat uns durch Ice-Breaking-Games den Kontakt zu den anderen „Internationals“ sowie auch zu ein paar koreanischen Studierenden erleichtert. Tolle Sache bei der ich mich gerne selbst engagieren würde. 11922959_866621526758630_1307915063_nAber ich werde das vermutlich zeitlich nicht schaffen. :-( So bleibt für mich nur die Möglichkeit an einem Buddy-Programm teilzunehmen. Dabei wird einem eine koreanische Komilliton_In zugeteilt, mit der man unabhängig vom ISO etwas in der Freizeit machen kann. Das sehe ich als gute Chance um einfacher Kontakte zu Koreaner_Innen zu knüpfen. :-)

Ein Gedanke zu “Breaking the Rules

  1. Ich fände die Idee, Geldstrafen gegen „Hinter dem Rücken Anderer lästern“ zu verhängen, eigentlich gar nicht mal so schlecht… Vielleicht würde es dann etwas direkter zugehen, mit dem Beschweren?

    Ansonsten erinnert mich das System irgendwie an Harry Potter… SIE wollen während meiner Rede aufs Klo? 50 STRAFPUNKTE FÜR GRYFFINDOR!!!!

    Liken

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