Einmal Hühnchen mit Hühnchen bitte!

Mittwoch Morgen. 6 Uhr. Mein Schlafrythmus ist immer noch verquer. Nach 3 Stunden Nachtruhe bin ich zwar nicht wirklich fit, aber zum Schlafen komme ich auch irgendwie nicht mehr. Also erst mal 2 Stunden mit der Heimat Skypen. Die Uhrzeit bietet sich förmlich dafür an, wir haben ja grade 23 Uhr MESZ. Danach heißt es Sachen packen, auschecken und weiterziehen in Richtung Studierendenwohnheim International House B wo ich das kommende Jahr über wohnen werde.

Dafür geht es runter in die Subway. Für günstige 1350 KRW (1€) komme ich so am schnellsten von Yongsan nach Dongdaemun. In der Hoffnung in die richtige Richtung zu steigen finde ich Gleise vor, die vollständig durch Glasscheiben geschützt werden. Kluge Sache, so kann niemand so leicht auf selbige fallen. Auf einmal ertönt eine triumphal anmutende Melodie aus den Lautsprechern. Die Bahn fährt ein und die automatischen Glastüren öffnen sich. Die Subway ist gut gefüllt und keine Sitzplätze mehr frei. Ich kann die Fahrt über aber trotz des ganzen Gepäcks entspannt stehen. Beim Umsteigen dann erste kleine Probleme. Ich hatte mir den Subway Plan nur flüchtig angeschaut und mir gemerkt, dass ich die Linien 4 und 1 nehmen muss. Welche der beiden Linien ich grade aber verlassen hatte, war mir scheinbar nicht mehr bewusst. Also fahre ich die Rolltreppe hoch, folge zielstrebig den Schildern zur Linie 4, gehe die Treppe wieder runter und steige dummerweise in die selbe Linie ein, aus der ich gerade erst ausgestiegen bin. Zu meinem Glück sollten sich die beiden Linien ein erneutes mal kreuzen, wodurch sich der Umweg in Grenzen hielt. Als ich die Subway Haltestelle Hankuk University of Foreign Studies dann erreicht habe und verlassen will, ertönt plötzlich ein schriller Alarm und vor mir versperren zwei zugehende Schranken den Weg. Ich hatte durch den Umweg wohl zu lange gebraucht und musste 100 KRW (0,08€) nachzahlen. Verkraftbar.
11950937_864895683597881_1243611059_nDraußen erspähe ich dann nach kurzer Orientierungslosigkeit am Ende der Straße das Hauptgebäude der HUFS, welches ich bereits von Bildern aus dem Internet kannte. Ein imposanter schöner „Klotz“ wie ich finde. Von dort aus frage ich mich zum Studierendenwohnheim durch, bis auf einmal ein bekanntes Gesicht vor mir steht. Ich treffe Ricardo, ein Leipziger Student den ich im Zusammenhang mit dem Austausch im Vorfeld kennen gelernt hatte. Er zeigt mir in welches Gebäude ich muss und wo sich mein Zimmer befindet. Der mir genannte Code zum Tür öffnen funktioniert leider nicht. Kein Problem. Ein junger Mann (ein Spanier mit koreanischen Wurzeln wie sich herausstellte) nur in Unterhose gekleidet öffnet mir von innen die Tür. „Hi I’m Stefan. I think we will live together.“ „Oh…. I have a room mate????“. Er freut sich scheinbar riesig mich kennen zu lernen [sic]. Ich finde ein ziemlich unordentliches Zimmer vor in dem ich Probleme habe einen freien Platz für mein Gepäck zu finden. Das Badezimmer ist komplett in rot gehalten. Ah ne Moment, das ist der Rotschimmel der quasi flächendeckend seine Bahnen durch das Bad zieht. Als nächstes werde ich angeschnauzt weil ich die Schuhe nicht ausgezogen habe. Was soll denn hier noch dreckiger werden, denke ich mir. Nun freue ich mich auch riesig mit ihm ein Jahr lang zusammen zu wohnen. Als ich dann noch Corey auf dem Flur kennen lerne, der zuvor mit meinem neuen Roommate zusammen gewohnt hat, hat auch dieser leider nicht sonderlich viel positives von ihm zu berichten. Das kann ja heiter werden. :-(

Nach diesem Dämpfer geht es wieder rüber auf den Campus (ca. 1 Hundertstelsekunde von meiner neuen Wohnung entfernt). Ricardo zeigt mit das Gebäude in dem sich das Office of International Studente Service (OISS) befindet. Einige total begeisterte Gesichter empfangen mich hier und erklären, dass ich die Miete in höhe von 1.300.000 KRW für die kommenden vier Monate im voraus zahlen muss. Das sind umgerechnet ca. 250€ monatlich was in Seoul (und in vielen deutschen und internationalen Städten) wirklich einem Spottpreis gleicht. Cool, bleibt mehr Geld zum reisen, essen gehen und Putzmittel für das Bad kaufen übrig. Ich lerne hier auch Niklas und Johannes kennen, die sich bereits seit zwei Wochen kennen und in dieser Zeit schon ein wenig Südkorea bereist haben. Wir kommen weiter ins Gespräch und finden heraus das Niklas der neue Zimmergenosse von Ricardo sein wird. Johannes hat Glück und muss sich das Zimmer gar nicht teilen. Als ich dann über meine Wohnmisere berichte, ernte ich großes Mitleid und es entsteht die Idee eine kleine Zimmerrochade durchzuführen. Wir fragen freundlich nach, ob nicht Niklas und Johannes sowie Ricardo und ich uns ein Zimmer teilen können. Und tatsächlich, zwei Klicks später hat die nette Dame mir sicherlich einen großen Teil meines Aufenthalts hier erleichtert.

Mit jetzt super guter Laune lerne ich in den kommenden Stunden viele nette Leute kennen. Viele kommen aus Deutschland. Unser ganzer Flur besteht fast nur aus deutschen Austauschstudenten. Irgendwie gut um leicht Kontakte zu knüpfen und zu merken, ob man auf einer Wellenlänge ist. Andererseits schade, dass man dadurch natürlich automatisch weniger internationale Freundschaften knüpfen wird. Ziemlich cool ist aber, dass sobald jemand dazu kommt der kein deutsch spricht, wie selbstverständlich auf englisch weitergesprochen wird.

11944969_864895666931216_1291343193_nNach einer chaotischen zweistündigen Shopping Tour um Bettzeug und ein paar Alltagsgegenstände zu kaufen, gingen wir in einer größeren Gruppe koreanisches Barbecue essen. Dabei steht in der Mitte des Tisches eine Grillplatte auf der das Fleisch und ein paar andere Köstlichkeiten angebraten werden. Dazu werden unzählige Beilagen und Suppen etc serviert. Die Beilagen sind quasi Umsonst dabei, wenn etwas leer ist kann man einfach neues anfordern. Wasser gibt es auch immer überall gratis dazu. Könnten die deutschen Restaurants sich eine Scheibe von abschneiden ;-) Das ganze schmeckt natürlich mega gut und war diesmal auch nicht so scharf wie das Chicken Teriyaki am Montag Abend. Rund um den Campus (und wie vermutlich überall in Seoul) gibt eine riesige Auswahl an solchen Restaurants. Wenn ich in einem Jahr kugelrund nach Europa zurück rolle, wisst ihr wo ich die meiste Zeit war. :)

11920587_864895643597885_663275310_nAnschließend ist Party Time angesagt. Im Partyviertel Hongdae haben wir uns erst einmal in einem Park niedergelassen um anschließend vor einem Späti zu trinken (ich habe extra eine Koreanerin nach der Bezeichnung gefragt, hab’s aber natürlich wieder vergessen). Dabei haben wir erst mal reichlich Bier und Soju konsumiert. Soju ist ein Reisschnaps mit 20% Alkoholgehalt vergleichbar mit Wodka. Ohne Geschmack riecht er auch so, ist im Abgang aber deutlich milder und besser genießbar meiner Ansicht nach (hat ja auch weniger Prozente). Das ganze gibt es dann noch in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Richtig leckeres Zeug und man katert irgendwie nicht so rum am nächsten Morgen ;) Ziel des Abends ist dann letztendlich eine International Student Welcome Party. Nach gefühlten 2 Stunden Fußmarsch sind wir auf einmal an einem Platz vor der Disco wo NUR noch Europäer und Amerikaner aufzufinden sind. Genauso sieht es natürlich auch auf der Party aus. Jetzt im Nachhinein muss ich aber zugeben, dass die Erinnerungen eher blass sind :-D Die Nacht war ultra witzig und lang. Um 7 Uhr standen Ricardo und ich dann vor unserer Zimmertür und kamen nicht mehr rein. 20 verzweifelte Minuten gaben wir den Code zum öffnen immer wieder erneut ein. Man hörte auch wie der Mechanismus versuchte die Tür zu öffnen, der Code stimmte also. Es passierte aber nix. Wir sind wirklich fast ausgeflippt. Bis wir so laut waren und Fabis heilende Hand den Ziffernblock berührte und die Tür endlich aufging. 11910976_1047108852012629_183862259_nWir waren schon etwas froh, dass wir die erste Nacht nicht auf dem Flur verbringen mussten. Am nächsten Tag gingen wir der Sache auf den Grund: Die Batterien des Schlosses waren einfach leer. Wir müssen also in der Zukunft nicht erst Fabi wecken um in unsere Wohnung zu kommen ;-)

Der nächste Tag begann dann recht spät mit einem Abendessen. Mit Händen und Füßen und Bildchen wurde wieder bestellt. Man weiß so oft leider vorher gar nicht was genau man da jetzt gleich essen wird, wie groß die Portionen sind und ob man das überhaupt richtig isst. Wir bekamen letztendlich Hühnchen in einer scharfen Suppe, Hühnchen in einer fast geschmacklosen Suppe und Nudeln mit Eiswürfeln. Verrückt. In ein paar Monaten weiß ich bestimmt mehr. Dazu gab es natürlich wieder viele Beilagen wie Kimchi etc. Kimchi ist Gemüse das durch Milchsäuregärung zubereitetet wurde. Ist für mich noch etwas gewöhnungsbedürftig, schmeckt aber auch je nach Restaurant immer anders. Den Rest des Abends haben wir dann noch bei einem Bier vor dem Globee Dorm ausklingen lassen. Das ist das Studierendenwohnheim auf dem Campus mit einer Ausgangssperre und Strafpunktekatalog bei Regelverstößen (Ihr könnt ahnen warum ich nicht in dieses Wohnheim gegangen bin?). Der Preis für das Wohnheim ist etwas günstig, aber durch die Bestimmungen mussten die armen Leute uns aus ihrem Zimmerfenstern beim entspannte zusammensitzen und abschalten zugucken ;-) Weiter geht’s am Freitag mit dem Orientation Day an der Universität. Ich bin gespannt wie schnell ich mich orientiere ;-)