Mit Händen und Füßen

Juhuuu, endlich hat das Warten ein Ende. Nach einem Jahr Anstrengungen, Planung und Organisation, einem hinten raus immer länger werdenden Sommersemester, endlos erscheinen Abschiedsorgien in Leipzig und einer schönen letzten Woche bei meiner Familie, am Sonntag Morgen dann endlich der Start in mein Abenteuer: Ein Jahr Seoul, die asiatische Welt, 1000 neue Erfahrungen, viel Spaß, neue Leute, das Essen, die Stadt, die Sprache und und und. Mehr Aufbruchsstimmung geht gar nicht. Und dann die Ankunft. Es ist alles so faszinierend und … irgendwie ernüchternd. Rumms! Jetzt sitze ich um 5 Uhr Morgens Ortszeit senkrecht im Bett und will wieder nachhause. Neee ganz so schlimm ist es nicht. :D Aber fangen wir vielleicht vorne an.

Im Mai 2014 habe ich den Entschluss gefasst über ein Austauschprogramm eine für mich neue Welt zu entdecken. In die engere Auswahl der möglichen Partneruniversitäten schafften es vor allem Indonesien und Südkorea. Desto mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte kristallisierte sich heraus, dass die Hankuk University of Foreign Studies in Seoul (HUFS) die ideale Gastuniversität für mich sein wird. Sie bietet ein großes Angebot an englischsprachigen Kursen, die sich mit soziologischen, kulturellen und politischen Fragestellungen auseinandersetzen. Das ist nicht sonderlich typisch für den asiatischen Raum und hat im Zusammenhang mit der jungen Geschichte des aufstrebenden demokratischen Sozialstaates, eine besondere Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Indonesien lockte dahingehend mit mehr Urlaubsfeeling, einer Surferboy Karriere an Javas Stränden und einem Demonstrationsverbot für ausländische Studierende. Wäre ja auch blöd wenn jemand von außen kommend eine unliebsame Meinung ins Land trägt. Wer über meinen Hang zu Polizeikesseln und meine ungebremste Leidenschaft einen Klicker in der Hand zu halten bescheid weiss, erkennt die Diskrepanz die sich für mich dabei ergibt. Letztendlich fiel so also die Wahl bei der Bewerbung Ende November 2014 auf Südkorea, was meine Koordinatorin vom Auslandsamt mit ihrer Nominierung Ende Januar 2015 bestätigte.

Von da an startete ein Marathon an Planung, Organisation und Vorbereitungen. Impfungen, Gesundheitsnachweis, Visum, Unterlagen für die HUFS, Wohnheimsplatz-Bewerbung und alles weitere, was sonst noch dazu gehört. Besonders viel Zeit und Energie hat mich die Bewerbung um Stipendien gekostet. Die Motivationsschreiben sollten ja auch perfekt sein. Besonders wenn man kein Einser-Bachelorzeugnis vorzuweisen hat und man die ersten Noten aus dem Masterstudium lieber ernüchternd verschwiegen hätte. Und nach ewigen drei Monaten Wartezeit war sie da: Die so weit entfernt geglaubte Einladung. Die einmalige Chance im Juni beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Bonn, für ein Jahresstipendium vorstellig zu werden. 10 Minuten Gespräch mit einem Gremium aus Universitätsprofessoren und DAAD Angestellten die über ein Jahr Komplettfinanzierung entscheiden sollten. Wenige Tage später dann aber die Absage im Postfach und Ernüchterung die sich breit machte. Ich haderte mit mir selbst und fiel in ein kleines Loch. Was habe ich falsch gemacht? Warum konnte ich die Fragen nicht souveräner beantworten? Vermutlich hätte ich eine Absage in der ersten Bewerbungsrunde zu deutlich weniger Enttäuschung geführt. Als dann Mitte August (also eine Woche vor der Abreise) auch noch eine Absage vom Promos Stipendium kam, die mich immerhin mit einem drittel der Summe für ein Semester gefördert hätte, war die Laune dann erst mal ganz unten und das Ego komplett im Eimer. Das zieht einen wirklich runter und trübt die Vorfreude ungemein. Die Lebenserhaltungskosten in Südkorea sind ziemlich hoch. Zudem plane ich das Land und Asien zu bereisen. Geld von außen hätte das alles viel leichter gemacht. Ich habe mich natürlich nicht auf die Stipendien verlassen und werde auch dank familiärer Unterstützung (dicken Kuss an Omi) und einer Spendenhotline die ich einrichten werde (nooot) das Jahr finanzieren können. Die Strahlkraft welche nach dem ganzen Aufwand und dem Hoffen die Absagen aber mit sich bringen, ist leider ein beeinflussender Faktor auf die Vorfreude.

Am Sonntag Morgen, den 23.August 2015 war es dann aber so weit. Ein flaues Gefühl machte sich schon in der Magengegend breit als wir pünktlich gegen 10 Uhr Schulder-Time (also 10:30 Uhr) Unna in Richtung Frankfurt am Main Flughafen aka Tor zur Welt verließen. Das muss dann wohl die Vorfreude auf das Unbekannte sein, dachte ich mir. Mama, Papa und Marc begleiteten mich noch zum Gepäckschalter (30 Kg erlaubt, die Waage der unentspannten Schalter-Tante zeigte 29,7 Kg an: Packweltmeister!) und anschließend zum Gate, wo es dann erst mal für ein Jahr Abschiednehmen hieß. Lange Zeit für Gefühle blieb nicht. Ich wollte endlich die Schleusen passieren und das Parken am Flughafen ist für meine Eltern ja auch nicht ganz billig. ;-) Also durchlief ich die gewohnten Sicherheitschecks und stieg in meinen Flieger nach Dubai. Pünktlich um 15:20 Uhr deutscher Zeit ging es dann mit dem Airbus 380-800 auf das Rollfeld und in die Luft, um 6 Stunden später sicher in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu landen.

Dubai im Landeanflug bei NachtÜber den Aufenthalt am Flughafen vor dem Anschlussflug hatte ich im Vorfeld schon verschiedenes gehört. Über stinkende Füße, massenhaft Menschen die dort auf dem Boden schlafen, zu kalt eingestellte Klimaanlagen und tollen Geschäften in denen man sich die Zeit vertreiben kann. All das fand ich zwar während meines vierstündigen Aufenthalts nicht vor (die Geschäfte findet man schon, aber toll sind die nicht), dafür quälte ich lieber das Internet. Eine Stunde pro Person war die Marschroute. Haha nicht mit Pfiffikus Stefan. Hab ja zwei Geräte mit Smartphone und Laptop. Also zwei Stunden Free Wifi wohooo. Endlich wieder Surfen, nachdem ich ja auch schon aufmeinem Flug 10 Mb freies Netz ausgenutzt hatte.

Flugroute von Dubai nach SeoulMit 45 Minuten Verspätung ging es dann um 04:30 Uhr Ortszeit (02:30 Uhr MESZ) mit dem Flieger weiter in Richtung Endstation: Incheon Airport. Die Flüge waren beide echt entspannt, das Essen und Bier sowie insgesamt der Service bei Emirates echt gut. Essen an BoardGeschlafen habe ich auch den Umständen entsprechend sehr gut. Nur die Verspannung in meinen Schultern, stellte sich als unliebsame Begleiterscheinung der langen Flugreisen heraus. In Incheon gelandet wurden zunächst „Quarantine Questionnaires“ verteilt und meine Temperatur gemessen. Maßnahmen die in Folge des Mers-Virus getroffen werden, der seit Mai 2015 grasierte und mehrere Todesopfer in Südkorea gefordert hatte. Nach zunächst fahrlässigem Umgang mit der Infektionskrankheit und vielen Erkrankten, konnte die Regierung in der Folge durch solche Kontrollen und Quarantäne Maßnahmen den Ausbruch eindämmen. Mittlerweile ist das Ansteckungsrisiko wohl bei Null.

Als nächstes ging es in die riesige Schlange am Passport-Schalter. Eine Stunde warten und einen Stempel später hieß die nächste Mission Busticket kaufen und Geld abheben. Ersteres war einfach, der Bankautomat glich meiner Ansicht nach aber eher einem Spielautomaten. Witzige bunte Bildchen, Stimmen die mit einem auf koreanisch sprechen und tausende Schaltflächen mit koreanischen Lettern. Am dritten Automaten klappte es dann auch mit dem Geldabheben. 200.000 KRW (ca. 150€) sollten zunächst für etwas Unabhängigkeit in meinem Portemonnaie sorgen. Kurz mit den Scheinen in der Luft gewedelt stieg ich in die Airport Bus-Limousine. Und der Name hielt was er versprach. Super breite Luxussessel für einen entspannten Transfer nach Seoul. Knapp 1,5 Stunden später hatte ich tatsächlich die Durchsage richtige verstanden und verließ um 21:15 koreanischer Zeit an der richtigen Haltestelle „Sookmyung Womens University“ den Bus und machte mich zu Fuss auf in Richtung Banana Backpackers Hostel. Meine Bleibe für die ersten zwei Nächte.

Streets of SeoulAuf dem Weg dorthin kam ich an unzähligen kleinen Essensständen vorbei. Überall roch es nach frittierten Fleisch und Fisch. Ziemlich geil wenn man Hunger hat und weiss, dass man gleich nach dem Hostel Check-in wieder zurückkehren wird. Zudem an jeder Ecke ein „Späti“ (die koreanische Bezeichnung liefer ich nach). Und das alles wieder begleitet durch große koreanische blinkende Buchstaben an den Hausfassaden. So hatte ich mir Seoul vorgestellt. Eine schöne erste Momentaufnahme nach der Ankunft.

Mit 2,5 Stunden Verspätung kam ich dann im Hostel an. Ein netter Herr zeigte mir mein Einzelzimmer und erklärte mir alles was ich wissen muss auf englisch. Das Zimmer ist nett, mit Klimaanalage, eigener Dusche und WC, ein van Gogh an der Wand und ein 140cm Bett für mich alleine. Geil. Kurz ein paar Nachrichten über meine erfolgreiche Ankunft an Freund_Innen und Familie geschickt, machte ich mich auf zu einem der erspähten Fresstempel. Mit englisch kam ich hier leider nicht weit, also bestellte ich mit Handzeichen und nickend mein Gericht bei einem sehr freundlichen Kellner: Chicken Teriyaki weil es das einzige auf der Karte war, auf das ich Appetit hatte und wo nicht „hot“ oder „spicy“ dranstand.

Chicken Teriyaki, Sides und das leben rettende BierDer Schein trügte, bzw. ich muss mich wohl krass umstellen. Mein Mund brannte total, die Beilagen und das bestellte Bier stellten sich als Lebensretter heraus. Meine Nase floss permanent. Ich versuchte es hochzuziehen, aber es gelang mir irgendwann nicht mehr. Im Voraus habe ich gelesen, dass es in Korea als unhöflich gilt sich die Nase in der Öffentlichkeit zu putzen (das Hochziehen aber ist dahingehend ok). Der Gedanke ein vollgeschnäuztes Taschentuch in der Hosentasche zu haben, gilt laut Literatur als unhygienisch. Also ging ich auf die Toilette und erledigte das für mich so selbstverständliche Naseputzen dort. Ich wollte ja kein Aufsehen erregen. Ich werde dem aber noch nachgehen, ob diese Norm so gelebt wird. Der Preis für das Menü erstaunte mich auch etwas. Ich hatte gehört, dass Essen gehen hier sehr günstig sein würde. Insgesamt zahlte ich aber immerhin 16.000 KRW (12€) für eine der billigsten Speisen zusammen mit dem Bier. Bin ich zu sehr verwöhnt von den Leipziger Preisen, oder war ich nur im „falschen“ Restaurant?

Alleine mein Menü mampfend, saß ich nun also da. Ein wegen der Schärfe schwitzender, andersaussehender Junge der kaum ein Wort der Landessprache beherrscht und sich durch nett lächeln fortbewegt. Seit 24 Stunden ohne wirklichen sozialen Austausch und geschafft von der Reise. Ein Jahr Planung und man ist nicht hellauf begeistert sondern irgendwie ernüchtert. Wenn dann auch noch der tolle Schlafplan doch nicht klappt und man die halbe Nacht wach liegt und erst von 8-14 Uhr Ortszeit zum Schlafen kommt, dann drückt auch noch der Jetlag auf das Gemüt. Ich will zurück nachhause!

Nein natürlich nicht. Mund abputzen und weiter geht’s. Der zweite Tag ist zwar schon durch das lange schlafen halb vorbei, aber die Laune und die schönen Eindrücke wieder zurück. Meine Verabredung mit Alina, die ich in Leipzig im Sprachkurs kennengelernt habe und die hier seit Anfang August ein Praktikum macht, ist leider dank des Regenwetters ins Wasser gefallen. Also machte ich mich alleine auf den Weg mein Viertel Yongsan-gu zu erkunden. Wenigstens noch ein bisschen rauskommen, etwas essen und ein paar Eindrücke sammeln. Jetzt traute ich mich auch endlich ein paar Brocken koreanisch aus mir herauszubringen. Auf dem Markt reichten die Worte Hallo, zwei und Danke, immerhin dazu, drei Bananen zu erhalten :D Entweder muss ich noch weiter üben oder die Dame war eine sehr tüchtige Geschäftsfrau. Vielleicht tut die Ruhe auch etwas gut. Ab Morgen wird es dann nämlich umso lebendiger und aufregender. Morgen früh werde ich mich auf den Weg machen und in mein Studierendenwohnheim International B einziehen. Dort werde ich mir mit einer weiteren Person das Zimmer teilen und im Laufe des Tages auf meine Leipziger Kommiliton_Innen Ricardo, Diandra und Daniel treffen. Vorfreude :) Das koreanische Abenteuer ist also ein Entwicklungsprozess. Schon jetzt habe ich bemerkt, wie schnell man kleinere höhen und tiefen mitmacht. Wie sollte es auch anders sein, in einer für einen selbst völlig fremden Kultur? Ich bin aber optimistisch, dass sich in der kommenden Zeit die positiven Aspekte häufen werden. 안녕히가세요.